„Kopfschmerz& Halswirbelsäule“


Dr. Lampl - ZMPT, 26.11.2009

Es gibt 244 Kopfschmerz-Formen, von denen in der täglichen Praxis nur ca. 10-12 relevant sind.
Von diesen 244 werden nur 5 mit der HWS in Verbindung gebracht.

Häufigste Kopfschmerzformen:

1) Migräne
2) Spannungskopfschmerz
3) Kopfschmerz durch Alkohol
4) medikamentöser Kopfschmerz
5) Bluthochdruck

Degenerative Veränderungen der HWS hat Jeder!
Entscheidend ist der Patient, nicht ein bildgebendes Verfahren!

Frage: Wer im Raum glaubt:
a)    eine „gute“ HWS zu haben ?   NIEMAND !
b)    eine altersentsprechende HWS zu haben ?  ALLE !

Cervikogener Kopfschmerz besteht bei ca. 3-5% der Kopfschmerz-Pat.
Wenn eine Palpation (Tasten) im Bereich der HWS (meist C5-C7) den
Kopfschmerz triggert = ev. die HWS mitbeteiligt.
Durch eine lokale Infiltration kann diese Vermutung „überprüft“ werden.

Die HWS-Nacken-Region ist ein „diagnostisches Bermuda-Dreieck“
- Art. Vertebralis (Halsschlagader), Wirbelgelenke, Spinalnerven,
  Bandscheiben,…
Eine degenerative (abgenutzte) HWS kann Kopfschmerzen verstärken.

Spannungskopfschmerz kommt nicht von der HWS
= Serotonin-Mangel im Gehirn

Fehldiagnose: Kopfschmerz durch die HWS

- Praktiker > 40%
- Orthopäde > 60%
- Internist > 40%
- Neurologe > 30%

Eine korrekte Diagnose wird von nur ca. 26% der Ärzte gestellt.

Bei Spannungskopfschmerzen wird in ca. 46% die „falsche“ Diagnose
„HWS-Kopfschmerz“ & nur in ca. 1% die korrekte Diagnose gestellt.
Die HWS sollte als möglicher Trigger jedoch mitbehandelt werden!

Die Migräne beginnt im Kopf, wobei der Trigeminusnerv Impulse aussendet, darunter auch welche in die HWS.
Die Nerven reagieren durch eine langsame Verhärtung des Muskels, noch bevor der Patient einen Kopfschmerz verspürt.
(= Reflexbogen mit Schmerz- & Spannungs-Provokation in den Nacken)
Durch diese vorangehende Verspannung glaubt man, die HWS sei Schuld am Kopfschmerz.

Auch z.B. Herzprobleme können Schmerzen in den linken Arm, oder ein
Carpaltunnelsyndrom Schmerzen in die Schulter projizieren.

Die HWS kann aber niemals für Migräne verantwortlich sein.

Ein Cervicalsyndrom ist ein Syndrom des Nackens, wie auch der
Kopfschmerz ein Symptom des Kopfes ist.

Was trifft eher zu ?
1) Nackenschmerz als Manifestation von Migräne oder
2) Kopfschmerz als eine Manifestation von HWS-Beschwerden ? Eher 1)

Fakten:

- für Kopfschmerzen ist selten die HWS die Ursache
- bei ca. 3-5% der Kopfschmerz-Pat. sind HWS-Schäden die Ursache
- in der täglichen Praxis wird die Diagnose viel zu häufig & zu Unrecht
  gestellt
- Röntgenbilder haben einen zu hohen Stellenwert


Fragen:

Wie kommt man zum „Schmerzarzt“ ?

- einen „Schmerzarzt“gibt es in Österreich eigentlich nicht, wobei
  diese Aufgabe meist von Anästhesisten übernommen wird.
- es gibt aber von der Österreichischen Ärztekammer ein Schmerzdiplom
  für Ärzte
- normalerweise sollte der Hausarzt einen Pat. zuerst in eine geeignete
  Akutambulanz bzw. gleich in die Schmerzambulanz überweisen, die,
  falls nötig, eine weitere Überweisung in die Kopfschmerzambulanz
  (Neurologie) veranlasst.

Gibt es  Migräne-Medikamente bzw. welche sind für mich geeignet ?

Die Wahl des Medikaments kommt auf die individuelle Situation des
Patienten an (Alter,….), wobei die umfassende Erstbefundung eines
Kopfschmerzpatienten z.B. bei Dr. Lampl ca. 30-45 Minuten dauert.
Ev. können sich die Rezeptoren im Gehirn an das ursprüngliche
Medikament „gewöhnen“.
Eine Migräne kann sich außerdem in eine andere Kopfschmerzform
umwandeln.

Was kann man bei Drehschwindel machen ?

Drehschwindel ist eine ähnlich schwierige Diagnose wie Kopfschmerz & kann so nicht beantwortet werden.
Es gibt ca. 7-8 Formen eines Drehschwindels mit unterschiedlichen
Auslösern bzw. „Verstärkern“ (Blutdruck, HWS, Innenohr, Schlaganfall,
Entzündung des Gleichgewichtsnerven,…)

Anmerkung: Placebo/ Suggestion ist in der Medizin sehr wichtig, da im
                     Gehirn Aktivität erzeugt wird.

Jede Zweiterkrankung kann eine primäre Erkrankung “schüren“.
Auch psychische Faktoren sind sehr wichtig.
Im Rahmen einer Studie beim Flugzeughersteller  „Boing“ zum Thema „Rückenschmerz“, hatte das Ergebnis, dass nicht jene Mitarbeiter vermehrt Rückenschmerzen beklagen, die schwer heben/ tragen,…, sondern jene, die im Keller im hintesten, dunklen Raum mit Kunstlicht, ohne Blumen,…. arbeiten müssen.

Diese Mitschrift sollte den Inhalt des Vortrags kurz zusammenfassen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

        Christian Körner

 


Auszug aus der Homapage von: www.medical-tribune.at

Chronischer Kopfschmerz
Diagnostik ist kein Selbstzweck

Kopfschmerzen können den Betroffenen das Leben zur Hölle machen.
Das gilt besonders dann, wenn die Schmerzen chronisch sind oder werden. Vor allem, weil beim chronischen Kopfschmerz längst nicht alle Fragen geklärt und nicht alle Formen gut therapierbar sind. Aktuelle Entwicklungen in Diagnostik und Therapie geben jedoch Anlass zur Hoffnung.

„Kopfschmerz, der an mehr als 15 Tagen im Monat auftritt, ist per definitionem chronisch“, sagt OA Dr. Christian Lampl vom Allgemeinen Krankenhaus in Linz. Die Sache ist nicht einfach: Laut internationaler Klassifikation gibt es rund 820 Formen von chronischem Kopfschmerz. Dr. Lampl: „Auch ich kenne nicht alle und viele diese Definitionen sind ausschließlich für die Forschung von Bedeutung.“ Sehr wichtig ist hingegen zunächst eine Grobeinteilung in primären und sekundären Kopfschmerz. Ebenso wie jene nach der Dauer der Schmerzen, wobei vier Stunden als Grenze zwischen lang- und kurzdauernden Schmerzen angenommen wird.
Die wichtigsten chronischen Kopfschmerzen von längerer Dauer sind die Migräne, der Spannungskopfschmerz sowie die seltenere Hemicrania continua und der New Daily Persistent Headache. Weniger als vier Stunden dauern der chronische Cluster-Kopfschmerz, die chronisch paroxysmale Hemi-cranie, der Schlafkopfschmerz und einige mehr. Zu diesen primären Kopfschmerzformen kommt eine lange Reihe sekundärer, etwa Kopfschmerz in Folge von Schmerzmittelabusus.

Akuter Schmerz

Grundsätzlich gilt beim Kopfschmerz das, was auch bei allen anderen Schmerzen gilt. Dr. Lampl: „Akuter Schmerz gehört sofort adäquat behandelt, damit man Chronifizierung vermeidet. Man weiß heute, dass chronischer Schmerz nicht erst nach vier bis sechs Monaten beginnt. Das kann auch schon nach wenigen Tagen passieren.“

Chronischer Schmerz

Die Migräne ist ein gutes Beispiel für den möglichen Übergang in einen chronischen Mischkopfschmerz. Das gleiche kann auch auf Basis eines Spannungskopfschmerzes entstehen. Dr. Lampl: „Mit chronischem Kopfschmerz haben wir es zu tun, wenn die Häufigkeit und die Dauer der Schmerzen zunimmt und wenn die Medikamenteneinnahme steigt.“ Als Prädiktoren für eine Chronifizierung haben sich das Alter beim erstmaligen Auftreten, die Dauer des primären Kopfschmerzes und die Häufigkeit erwiesen. Allerdings ist gerade beim Thema der Chronifizierung noch vieles unerforscht. Die diagnostischen Kriterien sind bei der chronischen Migräne die selben wie bei der akuten. Allerdings wird die Intensität meist als etwas leichter angegeben als bei akuten Formen. Die pulsierende Schmerzcharakteristik und das Ruhebedürfnis sind die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zum chronischen Spannungskopfschmerz.

Hemicrania continua

Eine Kopfschmerzform, die erst in den letzten Jahren in ihrer Bedeutung erkannt wurde, ist die Hemicrania continua. Sie liegt vor, wenn die Kopfschmerzen länger als drei Monate durchgehend, einseitig, ohne schmerzfreie Intervalle bestehen. Zum mittelstarken Dauerschmerz kommen Exazerbationen mit starken Schmerzen, konjunktivaler Rötung, Lacrimation und nasaler Kongestion. Dr. Lampl: „Das sind die gleichen Symptome wie beim Cluster-Kopfschmerz. Nur mit dem Unterschied, dass die Attacken beim Cluster-Kopfschmerz zwischen 30 und 180 Minuten dauern. Bei der Hemicrania dauern sie kürzer als 30 Minuten.“ Die einzige Möglichkeit der Unterscheidung ist der Indometacin-Test, da die Hemicrania auf Indometacin anspricht, der Cluster-Kopfschmerz jedoch nicht.
Ebenfalls durch lange Attacken fällt der New Daily Persistent Headache auf. Die Patienten haben nie unter Kopfschmerzen gelitten und entwickeln plötzlich persistierende, beidseitige, drückende Kopfschmerzen. Der Unterschied zum Spannungskopfschmerz liegt im plötzlichen Auftreten. Dr. Lampl: „Das klingt nach Spitzfindigkeiten, hat aber therapeutische Konsequenzen, da wir wissen, dass der New Daily Persistent Headache nicht auf Amitryptilin anspricht und wir hier überhaupt von medikamentöser Therapie abraten.“

Cluster-Kopfschmerz

Die wichtigste Form des Kopfschmerzes mit kurzen Attacken ist der Cluster-Kopfschmerz. Er verursacht Attacken von hoher Schmerzintensität. Dr. Lampl: „Die Patienten beschreiben das wie eine glühende Nadel, die ihnen von hinten durch das Auge geschoben wird. Wenn Sie einen Cluster-Patienten zum ersten mal sehen, vergessen Sie das Bild nicht. Es gibt Patienten, die vor Schmerzen mit dem Kopf gegen die Wand schlagen.“ In der Therapie des akuten Anfalls hat sich Sumatriptan bewährt, das für die subkutane Therapie nur mehr in dieser Indikation bewilligt wird, manche Patienten sprechen auch gut auf Sauerstoff an. Bei episodischem Verlauf ist Kortison während der Episode indiziert. Sehr schwierig ist die Situation jedoch bei chronischen Formen. Dr. Lampl: „Ich muss daher wirklich darauf achten, Chronifizierung vermeiden, also in der Akutphase sofort Kortison und zur Prophylaxe Verapamil geben.“

Ursache Medikamente

Eine besondere, häufige und vermeidbare Form des sekundären Kopfschmerzes ist der Kopfschmerz durch Medikamenten-übergebrauch. Dr. Lampl: „Es gibt Kopfschmerzen als Nebenwirkung verschiedener Medikamente, darum geht es nicht. Es geht um den Übergebrauch von Schmerzmitteln. Wir sprechen hier von 12 bis 15 Tabletten, an mehr als 15 Tagen im Monat über mehr als drei Monate.“ Kandidaten für einen derartigen Übergebrauch sind herkömmliche Schmerzmittel, Ergotamin, Triptane und auch Opioide.
Dr. Lampl: „Spannend dabei ist, dass wir immer gesagt haben, so was gibt es nicht. Dann haben wir gesehen, wie manche Patienten langsam in den Übergebrauch hineinrutschen.“ Besonders häufig tritt dieses Problem beim Ergotamins auf und ist nicht leicht zu therapieren.
Dr. Lampl spart nicht mit Kritik an der österreichischen Praxis: „Wir sind europaweit Nummer eins bei der Verschreibung von Ergotamin-Präparaten, von denen heute die meisten von Apothekern hergestellt werden.“ Durch die starke gefäßverengende Wirkung des Ergotamins ist mit vaskulären Komplikationen wie PVK zu rechnen. Bei den banalen Schmerzmitteln führen Mischpräparate leichter zur Gewöhnung als Monosubstanzen. REB
Südbahn-Schmerzgespräche am Semmering, Februar 2005
© MMA 2005, Medical Tribune 14/2005